Save Our Souls
Wir wollen regelmäßig und konsequent über zivile Seenotrettung berichten. Wir wollen über die Situation von Menschen auf ihrem Weg über das zentrale Mittelmeer sprechen. Wir wollen nicht nur die Zahlen der letzten Katastrophe nennen, sondern umfassender über das Thema reden, das große Ganze betrachten, mit konkreten Beispielen. Als Freiwilligengruppe von SOS Humanity möchten wir Mut machen, und überlegen, was wir alle tun können. Gemeinsam aufklären, aktuelle Infos geben und über die großen Zusammenhänge nachdenken: das ist unser Podcast. Geht für weitere Informationen auf unsere Webseite sos-humanity.org dort findet ihr alle Neuigkeiten und den Spendenlink.
Save Our Souls
Save Our Souls Short: Mary aus Ghana
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[Trigger-Warnung] Hinter jeder Flucht steht ein Mensch mit individuellen Beweggründen, Ursachen und Motivation den langen und gefährlichen Weg anzutreten. SOS MEDITERRANEE hat sich zum Ziel gesetzt die Schicksale der Geretteten zu dokumentieren, um denjenigen eine Stimme zu geben, die anders nicht gehört werden. In diesem Save Our Souls Short trägt Nassim Madjidian das Zeugnis von Mary aus Ghana vor.
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Ich spreche jetzt für Mary, 17 Jahre alt, aus Ghana, gerettet im März 2018.
Ich bin 17 Jahre alt und habe meine Familie in Ghana verlassen, weil in unserer muslimischen Tradition ein Mädchen den Sohn des Onkels väterlicherseits heiraten soll, das wollte ich nicht. Ich bin erst 17 Jahre alt, ich wollte nicht heiraten, ich wollte lieber zur Schule gehen, etwas lernen. Wenn du verheiratet bist, kannst du nicht studieren und nicht arbeiten. Als Frau ist es nicht leicht in Ghana, mein Vater hat mir gedroht: “Wenn du ihn nicht heiratest, töte ich dich!” Doch ich wusste, dass ich ein anderes Leben will.
Ich habe mein Land Ende Januar 2017 verlassen. Die Reise von Ghana nach Libyen hat drei Wochen gedauert. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig wird. Wenn in der Wüste der Motor kaputt geht, ist es gefährlich anzuhalten. Wenn der Laster weiter fährt und du bist nicht wieder drauf, dann hilft dir keiner. Ich habe viele Tote im Sand liegen sehen, aber die Reise über das Meer war noch schlimmer. Auf See schubsen dich alle, du wirst zerdrückt und wenn du ins Wasser fällst, kann dir keiner helfen, du stirbst einfach.
Als wir in Tripolis ankamen, wollte ich nur so schnell wie möglich einen Job finden. Dort habe ich in der sogenannten schwarzen Zone gewohnt, dem Bezirk der Einwanderer aus Subsahara-Afrika. Dort war ich in einem großen Haus mit 40 weiteren Schwarzen Mädchen zusammen.
Wie arbeiteten alle auf Abruf. Ich habe im Haushalt einer Araberin gearbeitet, die mich nie bezahlt hat. Wenn ich meinen Lohn eingefordert habe, hat sie mich geschlagen. Ständig hatte ich Angst, dass mir etwas passiert. In Libyen machen die Leute Jagd auf Schwarze. Wenn ich das Haus verlassen habe, um etwas zu essen zu besorgen, wurde ich oft verfolgt, gestoßen, manchmal angegrabscht. Es ist gefährlich auf die Straße zu gehen, besonders wenn du Schwarz bist. Am gefährlichsten ist es als Schwarze Frau. Ich habe gesehen wie Leute auf offener Straße entführt wurden, ich habe gesehen wie Menschen getötet wurden, ich hatte oft Angst. Ich wusste, dass ich dort nicht bleiben kann. Ich hatte große Angst, weil ich wusste, dass ich weder bleiben noch zurückgehen konnte, beides hätte meinen Tod bedeutet. Ich habe mich so verloren gefühlt.
Ich wusste überhaupt nichts über die Boote, die nach Europa fahren, ich war ja nach Libyen gekommen, um zu arbeiten, aber eines Nachts wurde unser Haus angegriffen und kurz darauf kamen Männer, die uns zum Abfahrtsort der Boote brachten. Es war Nacht und ich konnte nichts sehen, außer den weißen Gummibooten auf die wir stiegen. Ich habe nichts bezahlt, weil ich überhaupt kein Geld hatte, die Araberin für die ich gearbeitet habe, muss mir die Reise bezahlt haben.
Ich habe gefragt wohin wir fahren und sie sagte mir, dass es nach Europa geht.
Zu Anfang hatte ich keine Angst, denn ich wusste ja nichts über die Überfahrt und ich konnte auch nichts sehen, weil es so dunkel war, aber als die Sonne aufging habe ich mich richtig erschrocken mitten auf dem Meer zu sein. Die anderen haben sich übergeben, manche haben geweint und andere gebetet, ich habe mich die ganze Zeit über keinen einzigen Zentimeter bewegt. Mir war nach Weinen zumute, aber ich hatte zu große Angst ins Wasser zu fallen, ich war vor Angst wie gelähmt.
Wenn ich in Italien ankomme, möchte ich zuallererst meiner Mutter sagen, dass ich noch lebe.